Karfreitag

Jeder, der dies jetzt liest, wird sterben. Jeder Mensch, jeder Vogel, jedes Insekt, jedes Lebewesen, in gewisser Weise auch die Dinge, die zerfallen oder vernichtet werden, alles stirbt und vergeht. Geradezu lyrisch sagt es der berühmte Psalm 103, 15: „Wie Gras sind die Tage des Menschen, er blüht wie die Blume des Feldes. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; der Ort, wo sie stand, weiß nichts mehr von ihr.“

Der Mensch weiß davon und versteht doch nichts. Warum sterben wir alle? Wenn schließlich alles nichts ist, warum gibt es dann überhaupt etwas? Für mich lautet die Frage so: Wenn es Gott gibt, wie kann es dann den Tod geben? Gott ist doch der Schöpfer und die Liebe. Indem Gott sich als wirklicher Mensch einreiht in die Geschichte des Todes und der Vernichtung, sein Tod am römischen Folterkreuz brutal und sinnlos gewesen ist, dazu kommen Verrat, Enttäuschung, Hohn und Spott, die ganze menschliche Erbärmlichkeit, ist etwas passiert. Was passiert ist, dazu kommen wir später. Heute ist erst einmal der Tag, an dem Gottes Sohn tödlich verwundet wird. Damals haben die Menschen den Kopf geschüttelt. Das kann kein Gott sein; lächerlich und peinlich. Gott ist groß und gewaltig, aber auf keinen Fall sterblich. Manche sagen, wie kann ich in dieser Welt an einen Gott glauben? Wegen heute, sage ich, wegen Karfreitag. Berthold Engels